Einer der wichtigsten Unterstützer des Buddha war König Bimbisara von Maghada. Dessen Sohn Ajasattu leitete eine Verschwörung gegen seinen Vater, wobei er vermutlcih von Devadatta, der seinerseits dem Buddha nach dem Leben trachtete, unterstützt wurde. (vgl. „Zwei Attentate auf den Buddha“) So war es nicht nur der Verfall der Sitten, der die Sangha bedrohte, sondern auch Intrigen und Machtspiele, wie wir sie aus der Welt der Politik, der Welt der Gruppen- und Einzelinteressen kennen. Dies wird häufig in Verbindung gebracht mit einer Person, nämlich Devadatta, der sich allmählich zum Gegenspieler des Buddha innerhalb der Sangha entwickelte. Nicht alles, was man sich von Devadatta berichtet, ist unbedingt wörtlich zu nehmen, vielmehr könnte es sein, dass in den ersten Jahrhunderten nach Buddhas Tod diesem in den Erzählungen die Rolle des Schurken zugewiesen wurde. Wie viel von dem Folgenden damit authentisch ist und wie viel spätere Hinzufügungen sind, sei dahingestellt. Eines zeigt diese Geschichte jedoch mit Sicherheit: Dass keine Organisation vor Verfallserscheinungen, vor Gruppenegoismen und vor Einzelinteressen sicher ist. Man kann versuchen Mechanismen einzubauen, die gröbsten dieser Erscheinungen zu beschränken. Da jedoch jede Organisation, auch buddhistische Organisationen, in Samsara operieren, passiert all das, was für bedingtes Entstehen typisch ist, auch hier.
Devadatta war vor mehr als 30 Jahren zusammen mit sechs anderen Personen vom Buddha ordiniert worden (Vergleiche „Die Prinzen und der Barbier“). Devadatta war sowohl der Schwager als auch ein Vetter des Buddha und dünkte sich über diese familiären Beziehungen näher am Buddha. Er war gut 20 Jahre jünger als der Buddha und sah den körperlichen ebenso wie den autoritativen Verfall des Buddha mit Interesse. Devadatta versuchte mächtige Verbündete zu bekommen, so den ehrgeizigen Kronprinzen Ajasattu, den Sohn des Königs Bimbisara von Maghada.
Sowohl
Devadatta als auch Ajasattu standen in ihrem Ehrgeiz jeweils eine Person
im Wege. Es ist daher nicht verwunderlich, dass diese Beziehung begann
Verschwörungscharakter anzunehmen und dass die beiden bereit waren,
alle Mittel anzuwenden, um zu ihrem Ziel zu kommen, Mord eingeschlossen.
Als
erstes handelte Ajasattu, er schlich mit einem Dolche bewaffnet des nachts
in das Schlafgemach Bimbisaras um ihn zu töten. Er war der festen
Überzeugung, das die Leibwächter seines Vaters ihn passieren
ließen. Am nächsten Tag würde er sich selbst zum König
ausrufen, damit wäre er oberster Gerichtsherr und somit von jeder
Strafverfolgung ausgeschlossen. Es wird behauptet, Devadatta habe diesen
Plan entwickelt. Allerdings wurde Ajasattu von den Leibwächter festgehalten,
durchsucht und – nachdem man den Dolch sichergestellt hatte – verhört.
Ajasattu gestand alles, auch dass er sich mit Devadatta in einer Verschwörung
befunden habe.
Als
oberster Gerichtsherr war nun der König aufgefordert ein Urteil über
seinen Sohn zu fällen, denn das ordentliche Gericht erklärte
sich in der Frage des Hochverrates vorsichtshalber für nicht zuständig.
König Bimbisara also saß über seinen eigenen Sohn zu Gericht.
Er entschied sich für eine eigentümliche Strafe. Ajasattu müsse
statt seiner nunmehr König sein und sei vor der Geschichte aufgefordert
zu zeigen dass er, Ajasattu, ein besserer und weiserer Herrscher sei, als
es sein Vater je gewesen sei. Damit trat König Bimbisara zurück.
Ajasattus Bild vor der Geschichte ist bis zum heutigen Tage eindeutig geprägt. Er, dem sein Vater so viel Gnade erwiesen hatte und das Leben ein zweites Mal geschenkt hatte, ging als kaltblütiger, gnadenloser Herrscher in die Geschichte ein. Er versuchte auf höchst unwürdige Weise aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten. Ajasattu ließ seinen Vater in den Kerker werfen und verhungern. Dabei hatte er allerdings nicht mit der Liebe von Bimbisaras Frau, seiner Mutter Vaidehi gerechnet, denn diese schlich sich immer wieder heimlich zum Kerker, um Bimbisara mit Nahrung zu versorgen. Dies wurde von einem Bediensteten bemerkt, der es dem König Ajasattu meldete, woraufhin Vaidahi ins Gefängnis gesperrt wurde.
Da
sitzt also Vaidehi allein in nihrem Gefängnis, gehasst von ihrem Sohn
und nicht mehr in der Lage ihren Ehemann mit Nahrung zu versorgen. Sie
fühlt sich elend. Desillusioniert von ihrer Rolle als Königin
und von der Welt insgesamt, wendet sie sich gedanklich von all dem Luxus
ihres Lebens ab und konzentriert sich auf den damals etwa siebzigjährigen
Buddha, der nur wenige Meilen außerhalb der Stadt auf seinem Lieblingsberg,
der Geierspitze, meditiert. Sie macht sogar Niederwerfungen in Richtung
des Gipfels. Da plötzlich erscheint der Buddha vor ihr. Sei es nun,
dass er ihr physisch im Gefängnis begegnet oder ob es eine Vision
ist, wissen wir nicht. Auf jeden Fall sieht sie ihn vor sich. Wenn wir
den Schriften glauben dürfen, erscheint er da vor ihr mit einem goldfarbenen
Körper auf einem überdimensionierten Lotus sitzend, der mit Hunderten
von juwelen geschmückt ist. Moggalana sitzt zu seiner Rechten und
Ananda zu seiner Linken. Über ihnen befinden sich Schutzgottheiten,
die himmlische Blüten herabregnen lassen.
„Oh
Erhabener“, fleht sie ihn an und wirft sich vor ihm nieder, „beschreibt
mir einen Ort, an dem es keine Sorge und keine Schwierigkeiten gibt, wo
ich wiedergeboren werden könnte. Ich bin am Ende mit diesem Land Indien
mit seinen Höllen, seinen hungrigen Geistern und all der Brutalität.
Ich möchte niemanden dieser Verrückten wiedersehen. Ich bitte
dich, erhabener Buddha, instruiert mich, wie ich von einer Welt meditieren
kann, in der alles Handeln rein ist.“
Aufgrund
seiner magischen Fähigkeiten zeigt der Buddha Vaidehi einige Reine
Länder, Welten in denen es kein Leiden gibt. Vaidehi entschied sich,
im Lande Sukhavati, dem Land des Buddha Amitabha in Westen, wiedergeboren
zu werden. Der Buddha unterwies sie alsdann, was sie unternehmen müsste,
um das zu erreichen. Sie müsse mit Körper, Rede und Geist zu
den drei Juwelen Zuflucht nehmen und sie müsse die zehn Silas (Übungsfelder)
aufnehmen. Außerdem solle sie die Visualisierungspraxis des Buddhas
des Ewigen Lebens, Amitabha, praktizieren, woraufhin der Buddha sie in
diese sechzehnstufige Meditationspraxis einwies.
In
der ersten Stufe konzentriert man sich auf die rote Scheibe der untergehenden
Sonne. Alsdann visualisiert man einen tiefblauen Hintergrund in der Farbe
von Lapislazuli, der sich in alle Richtungen unendlich weit erstreckt,
durchzogen von einem Netz goldener Schnüre. Aus diesem Netzwerk erwachsen
dann Juwelenbäume, Seen aus Juwelen und Lotusse aus Juwelen. Nach
eine Reihe ähnlicher juwelendominierter Bilder sieht man den Buddha
Amitabha selbst, den Buddha des Unendlichen Lichts in der Begleitung von
Avalokitesvara, dem Mitgefühlsaspekt und Manjusri, dem Weisheitsaspekt
der Buddhaschaft.
Auf
diese Weise würde Vaidehi es erreichen im Lande Sukhavati wiedergeboren
zu werden, wo sie zu Füßen Amitabhas sitzt und nichts weiter
zu tun hat, als seinen Lehren zu lauschen und darüber zu meditieren.
Das
was hier geschah ist augenscheinlich nicht auf unserer Sprachebene und
wir benötigen daher eine Übersetzung.
Das, was hier geschah, ist augenscheinlich nicht auf unserer Sprachebene und wir benötigen daher eine Übersetzung. Die Geschichte ist offensichtlich zweigeteilt. Der erste Teil ist historische Realität. Prinz Ajasattu hat seinen Vater, den rechtmäßigen König Bimbisara eingekerkert und auch seine Mutter, Vaidehi, ins Gefängnis geworfen, weil sie versuchte, Bimbisara vor dem Hungertod zu bewahren. Soweit die Geschichte, die so oder ähnlich in Hunderten von Fällen in Königs- oder Fürstenhäusern stattgefunden hat. Der Rest der Geschichte erscheint uns unwirklich oder bestenfalls einem Wunschtraum der Vaidehi zu entspringen. Das Land Sukhavati scheint ein buddhistisches Utopia zu sein. Allerdings haben Utopien in der Geschichte immer eine höchst positive Wirkung gehabt, denn sie haben Menschen beflügelt, ebendiese Utopien umzusetzen, eine bessere Welt zu bauen. Und genau dafür steht die Geschichte in den Augen von Urgyen Sangharakshita, dem Gründer und Lehrer des Westlichen Buddhistischen Ordens (WBO).
Sukhavati ist nicht ein Land, in dem wir nach unserem physischen Tod wiedergeboren werden können. Der Buddha vertröstet uns nicht auf ein Leben nach dem Tode, den Sankt Nimmerleinstag. Im Buddhismus können wir an unserer Erlösung selber arbeiten. Das Entscheidende ist dabei, den Weg zu gehen, den der Buddha aufgezeigt hat. Wir haben es in der Hand, das Land Sukhavati zu schaffen. Sangharakshita hat 1967 die Freunde des Westlichen Buddhistischen Ordens (FWBO) gegründet und ein Jahr später die ersten Menschen in den WBO ordiniert – mit keinem geringeren Ziel, als das Land Sukhavati aufzubauen. Das ist kein Land mit Staatsgrenzen und einer Regierung und womöglich einem stehenden Heer. Nein, das Land Sukhavati entsteht inmitten dieser Welt, in den bestehenden Staaten. Es soll überall dort blühen und gedeihen, wo es die FWBO gibt. In jedem Jahr entstehen in dieser Welt neue Zentren, neue Freundesgruppen, neue Sukhavati-WGs und neue Betriebe Rechten Lebenserwerbs. Sangharakshita sagt dazu: „Jedes Zentrum der Bewegung, die ich gegründet habe, hat kein geringeres Ziel, als der Nukleus einer neuen Gesellschaft zu sein.“
Diese neue Gesellschaft hat den Zweck, den Leuten zu helfen, sich als Menschen fortzuentwickeln. Die FWBO kann Leuten diese ihre ureigenste Entwicklungsarbeit nicht abnehmen, aber die FWBO kann ihnen Einrichtungen, Gelegenheiten und ein ermutigendes Umfeld ebenso bieten, wie einen sozialen und spirituellen Kontext menschlichen Miteinanders, in dem es leichter ist, sich als Mensch fortzuentwickeln.
Es ist dabei nötig, diese neue Gesellschaft in der bestehenden alten zu entwickeln, denn die bestehende Gesellschaft kann nicht in dieser Weise arbeiten, weil die meisten Mitglieder dieser Gesellschaft nicht an menschlicher Entwicklung interessiert sind. Wie aber soll diese Gesellschaft funktionieren? Ganz wichtig ist ein Kern von Menschen, der bereit ist sich zu entwickeln, den Pfad der Erleuchtung zu beschreiten. Diese Individuen sind die spirituelle Gemeinschaft innerhalb der Bewegung. Allerdings werden nicht alle, die sich der Bewegung anschließen, diese Bemühungen auf sich nehmen. Daher besteht die Bewegung aus zwei Teilen, zwei Ebenen: die wirkliche spirituelle Gemeinschaft einerseits, die für alle offen ist, die sich als Individuen so weit entwickelt haben, dass sie ein wirkliches Bekenntnis zum Pfad der Erleuchtung abgeben. Andererseits gibt es um diesen Kern der Bewegung herum eine positive Gruppe, die allen offen steht, die sich an den Aktivitäten beteiligen möchten.
Sangharakshita: „Alle Aktivitäten dieser Bewegung dienen einzig und allein einem Ziel: Leuten zu helfen sich als Individuen zu entwickeln. Es war niemals unser Ziel eine Organisation im gewöhnlichen Sinn aufzubauen, wie dies bei einige zeitgenössischen buddhistischen Sekten Japans der Fall ist. Es ist nicht unser Ziel mit Flaggen durch die Straßen Londons zu ziehen und die Royal Albert Hall einzunehmen oder als sich nur selbst dienender Organisation zu enden. Die Präsenz der spirituellen Gemeinschaft im Zentrum der buddhistischen positiven Gruppe ist Garant dafür, dass das nicht geschieht.(...) So klein die Entwicklung bisher auch ist: wir bilden den Nukleus einer „neuen Gesellschaft“. Wir haben eine Gesellschaft initiiert, in der die Idee, dass einer die Position oder die Ansichten der anderen vertreten kann oder eine spezielle Autorität auf Basis seiner Position hat oder versucht auf jemand anderen Druck auszuüben, absurd ist. In dieser Gesellschaft gibt es nur Platz für Individuen die in freier Assoziation miteinander leben, inspiriert von den Prinzipien tiefen Mitgefühls und transzendenter Weisheit, über dem das Prinzip von Bodhicitta, dem Willen zur Erleuchtung zum Wohl aller Wesen, steht.“
Das ist die wahre Vision, die Vaidehi, inspiriert vom Buddha, hatte: das reine Land Sukhavati.