Das heilige Leben –
die letzten Schritte auf dem Weg zur Erleuchtung
letzte Änderung: 9. Juni 2011

Wir haben uns im letzten halben Jahr sehr häufig mit dem Weg zur Erleuchtung befasst. Wir haben zunächst gesehen, dass unsere von spiritueller Unwissenheit verblendete Sichtweise uns immer wieder im Teufelskreis von samsara, von normalem unerleuchteten Leben, kreisen lässt. Dabei findet die kleine Wiedergeburt, redundant-fehlerhaftes Verhalten, dass uns täglich die immer gleichen Fehler in tausendfacher Abwandlung wiederholen lässt, beständig statt. Dies ist auf dem kreisförmigen Bild links dargestellt.

Wir haben dann gesehen, dass uns das Loslassen unserer verhängnisvollen Gewohnheit, uns animalisch-triebgesteuert reagieren zu lassen und statt dessen kreativ, schöpferisch, zu handeln auf den Pfad der Höheren Evolution führt, der im Bild an der Wand in gelb dargestellt ist. Wir haben gesehen, wie die Erkenntnis der Unvollkommenheit und der Leidhaftigkeit das samsara zu Vertrauen zu einer Alternative, eben dem Pfad, den der Buddha aufgezeigt hat, führen kann. Wir haben weiter gesehen, wie sich auf diesem Pfad verschiedene Arten der Freude entwickeln, die bei Punkt 18 schließlich zum Zustand der Glückseligkeit (sukha) führen. Wir haben gesehen, wie im Zustand der Glückseligkeit unsere Meditation eine neue Qualität gewinnt und zu samadhi, zu tiefer beglückender Meditation, wird. Und wir haben schließlich beim letzten Mal gesehen, wie in Abhängigkeit vom Beschreiten des Pfades und auf der Basis von samadhi tiefes Verstehen aufsteigt, yathabhuta-nana-dassana, Schau und Erkenntnis der Dinge, wie sie wirklich sind.

Damit ist man zum sotapanna, zum Stromeingetretenen geworden, einer den der Buddha arya puggala, einen edlen Menschen, nennt. Man kann das auch als erste Stufe der Heiligkeit bezeichnen. Man ist allerdings an dieser Stelle, an Punkt 20 auf unserem Schaubild noch nicht völlig erleuchtet. Man hat die ersten drei Fesseln überwunden, wie es im buddhistischen Sprachgebrauch heißt, es sind dies (1) Hängen an Regeln und Riten um ihrer selbst Willen, (2) Zweifelsucht oder Unentschlossenheit und (3) Persönlichkeitsglauben, darüber habe ich letztes Mal gesprochen. Noch nicht völlig überwunden hat man hingegen sieben weitere Fesseln (sinnliches Begehren, Begehren nach Feinkörperlichkeit, Begehren nach Unkörperlichkeit, Dünkel, Aufgeregtheit, Groll und Unwissenheit). Eine Person, die alle diese zehn Fesseln durchbrochen hat, kann man als einen Buddha bezeichnen. Und wenn wir das Bild hier an der Wand ansehen, so sehen wir auch, dass es nach dem Stromeintritt, wie es die Vertreter des Theravada nennen, oder nach dem Aufgehen des Bodhicitta, wie die Anhänger des Mahayana diesen Punkt bezeichnen würden, vier weitere Schritte auf dem Pfad zur Erleuchtung gibt, nämlich nibbida, viraga, vimutti und asavakkhaya-nana – und genau diese vier Schritte sind unser heutiges Thema.

Nibbida (pali) bzw. nirveda (sanskrit) wird traditionell mit Abscheu oder Rückzug bezeichnet. Den Ausdruck Abscheu halte ich in diesem Fall jedoch nicht für angemessen, denn Abscheu ist meist ein reaktives Verhalten. Nibbida basiert jedoch auf Einsicht und ist ein kreatives, kein reaktives Verhalten. Daher ist Rückzug der bessere deutsche Terminus. Wenn wir eines Tages nicht mehr die Spiele der Fußballweltmeisterschaft im Fernsehen betrachten, dann geschieht dies nicht, weil wir Fußball so abscheulich finden, sondern weil uns andere Dinge viel wichtiger sind und uns das Betrachten der WM im Vergleich dazu als reine Zeitverschwendung vorkommt. Wir ziehen uns also von etwas zurück, weil wir etwas Besseres haben. Der Umkehrschluss, wer die Fußball-WM nicht schaut, müsste dann wohl ein Stromeingetretener sein ist natürlich unzulässig.

Noch besser als der Ausdruck Rückzug, der möglicherweise auch eine Assoziation an enttäuschtes Sich-Zurückziehen haben könnte, ist meines Erachtens „gelassene Abkehr“. Diese Abkehr ist dabei auch kein Abwenden von menschlichen oder anderen Wesen, denn gleichzeitig existiert auch aktives Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen. Man kann sogar sagen, dass gerade diese Qualität des Mitgefühls, dieses karuna in Verbindung mit der gelassenen Abkehr die Beschreibung eines Bodhisattva ausmacht, dass beides zusammen also Kennzeichen von Bodhicitta sind. An dieser Stelle wird einmal mehr deutlich, dass der Pfad zur Erleuchtung zwar ein Pfad von samsara weg ist, aber alles andere als Eskapismus, denn derjenige oder diejenige, welche diesen Pfad geht, stiehlt sich nicht aus der Verantwortung.

Viraga (pali) bzw. vairagya (sanskrit) ist der Schritt, der auf nibbida logischerweise folgt bzw. ganz eng mit ihm einhergeht. Raga hießt Gier; bei viraga geht es also um die Freiheit von Gier. Weitere Übersetzungen für diesen Terminus sind Gierlosigkeit, Entfärbung, Verblassung, Loslösung, Schwinden, Erlöschung. Und gerade wenn wir die beiden letzten Begriffe (Schwinden und Erlöschung) betrachten, zeigt sich, dass es zwei Arten oder auch zwei Stufen von viraga gibt: das Dahinschwinden, also die Minderung, und die restlose Erlöschung. Wenn wir bei den positiven Vorsätzen rezitieren, dass wir uns „Mit Stille, Schlichtheit und Genügsamkeit“ läutern, dann zeigt sich hierin eine Übung, die auf viraga abzielt. Man kann daher viraga auch als gelassene Stille bezeichnen oder, wenn man so will, als Leidenschaftslosigkeit.

Im Mythos von der Erleuchtungserfahrung des Buddha haben wir zwei gute Beispiele für diese Leidenschaftslosigkeit. Da wird beschrieben, dass Mara, der Versucher, an den Buddha herantritt und ihn mit seinen Heerscharen zu attackieren gedenkt. So tauchen zunächst alle möglichen Kämpfer und Dämonen auf, die den Buddha mit unterschiedlichsten Waffen attackieren, die Pfeile und Felsen auf ihn schleudern, um in ihm Wut, Zorn, Groll und Aggressivität aufsteigen zu lassen. Aber der in dieser Nacht zum Buddha erwachende Prinz Siddharta hat alle diese Leidenschaften überwunden. Er übt stattdessen die metta bhavana und wandelt somit alle die auf ihn eindringenden Waffen, Pfeile und Felsen in einen Blütenregen um. Mara, der Versucher ist beeindruckt, aber er hat noch eine weitere Geheimwaffe in der Hinterhand, er will auf den einzigen stärkeren Trieb im Menschen als die Aggression abheben und so schickt er seine Töchter zu dem Meditierenden. Und Maras Töchter erscheinen nackt vor Siddharta und tanzen ihre verführerischsten Tänze. Und auch der Name von Maras Töchtern ist uns überliefert, sie heißen Genuss, Lust und Leidenschaft.

Doch der erwachende Buddha sitzt mit halbgeschlossenen Augen da und lässt sich von Genuss, Lust und Leidenschaft nicht anmachen. Er verweilt in der gelassenen Stille der Leidenschaftslosigkeit. Ich glaube es ist genau diese Haltung, auf die der bekannte Thai-Mönch Santikaro Bhikkhu abhebt, wenn er seine E-Mails gewöhnlich mit dem Gruß „keep cool“ beendet.

Und um hier auch den Mahayana-Zugang zu diesem Pfad zu erwähnen. Es ist das Wissen um sunyata, um Leerheit, das viraga möglich macht.

In einem seiner bekanntesten Sprüche erläutert der Buddha bezüglich seiner Lehre, des Dharma. „Wie der weite Ozean nur einen einzigen Geschmack hat, den Geschmack des Salzes, so hat auch diese Lehre nur einen einzigen Geschmack, den Geschmack von Freiheit.“ Die Freiheit, von der der Buddha da spricht, ist vimutti (pali) bzw. vimukti (sanskrit), was man auch mit Befreiung oder Erlösung übersetzen kann.

Das Theravada unterscheidet zwischen zwei Arten von vimutti, nämlich der Gemütserlösung und der Wissenserlösung Die Gemütserlösung (ceto-vimutti) hat der Arahat im Pfadmoment der Arahatschaft, also indem er sie anstrebt, hierbei sind die vier brahma viharas (metta – Wohlwollen, mudita – neidlose Mitfreude, karuna – Mitgefühl und upekkha – Gleichmut) aktiv. Wissenserlösung (panna-vimutti) hingegen hat er im Fruchtmoment der Arahatschaft, im arahatta phala, der gleichbedeutend ist mit dem Hellblick, wobei man Hellblick definieren kann als den Punkt 20 unseres Pfades (yathabhutha-nana-dassana) plus viraga plus den brahma viharas.

Interessant ist natürlich auch die Frage, wovon man frei ist. Nun erstens ist man frei von samsara. Und schließlich ist man gewissermaßen frei von samsara und nirvana, denn die beiden bilden ja eine Dualität und wer völlig frei ist, der ist auch frei vom Dualismus; im Nondualismus jedoch existieren die Gegensätze samsara und nirvana nicht. Das Reich des Nondualismus wird auch als sunyata (Leerheit) bezeichnet. Diese Leerheit kann in verschiedenen Stufen erkannt werden. Wollt ihr das noch hören oder wird´s zu kompliziert?

Na bitte, dann aber in aller Kürze:
1. Samskrta-sunyata – das ist die am einfachsten zu verstehende Stufe. Sie ergibt sich aus der Kausalität, der Bedingtheit. Insofern zu den Merkmalen von Leerheit auch gehört, dass sie keinerlei Bedingungen hat, ist Leerheit leer von allem Bedingten.
2. asamskara-sunyata – da Bedingtes und Unbedingtes eine Dualität bilden, muss, was völlig leer ist, auch leer vom Unbedingten sein, andernfalls wäre es ja vom Unbedingten bedingt. Diese beiden Ebenen kennt auch das Hinayana, doch das Mahayana nimmt zwei weitere Ebenen hinzu, nämlich
3. mahasunyata -  die Leerheit ist nicht nur leer von Inhalten, sondern auch der Begriff der Leerheit ist ebenso gehaltslos; dies wird in den prajnaparamitra-suttas des Mahayana dargestellt.
4. sunyata-sunyata – dies ist die höchste Stufe der Leerheit. Da Leerheit leer von allem ist, muss sie auch leer von Leerheit sein, also eine Leerheit der Leerheit, was im Mahayana am deutlichsten im Vimalakirti-nirdessa ausgedrückt wird, nämlich durch Vimalakirtis donnerndes Schweigen.

Keine Angst – all das muss man nicht philosophisch durchdringen, um den Dharma zu praktizieren. Das ganz Entscheidende ist, dass man erkennt, wo man ist, und wie man daran arbeiten kann, weiter zu kommen. Ein Punkt, über den wir uns vielleicht in der abschließenden Diskussion unterhalten sollten.

Einen Punkt gibt es noch auf dem Pfad zur Vollkommenheit, den 24., den letzten Punkt auf der Evolution vom Tier über den Menschen zum Buddha. Dieser Punkt heißt asavakkaya-nana, Wissen um die Zerstörung der Asravas. Bevor wir uns dem Begriff der Asravas in aller gebotenen Kürze zuwenden, können wir jedoch den Begriff asavakkaya-nana, Wissen um die Zerstörung der Asravas durchleuchten. Er bedeutet offensichtlich, (1.) dass diese Asravas zerstört sind und (2.) dass man das weiß. Und Asravas sind vermutlich, wie alles womit wir uns in letzter Zeit beschäftigen, geistige Phänomene, es sind genauer gesagt Triebe. Das heißt also, wer diesen Pfad bis zum Ende geht, hat die Asravas zerstört und er oder sie weiß, dass man das getan hat. Es gibt je nach Zählung drei oder vier Asravas:
1. kamasava – hierunter wird der Sinnlichkeitstrieb verstanden
2. bhavasava – der Daseinstrieb lässt uns am Leben hängen, nach Wiedergeburt streben und in seiner Variante als abhavasava nach Tod und Nichtwiedergeburt streben
3. avijjassava – das ist der Unwissenheitstrieb; je mehr wir wissen, desto komplexer wird die Realität, daher verdrängen die Wesen viele Aspekte der Realität und machen sich so eine vereinfachte Welt mit einfachen Lösungen
4. ditthasava – dieser wird in den Aufzählungen mitunter weggelassen, es ist der Ansichtstrieb, wenn man so will eine Variante des Unwissenheitstriebes: aufgrund einer Ansicht, zu der ich mich bekenne, verneine ich die anderen Ansichten und vereinfache so meine Welt. Wir kennen ihn in der Geschichte des 20. Jahrhunderts z.B. als institutionalisierten Totalitarismus.



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