eine Geschichte
aus dem Pali-Kanon, den ältesten buddhistischen Schriften
neu erzählt
von Horst Gunkel
(c) Copyright
by Horst Gunkel - letzte Änderungen 2006-09-15
Mahakassapa (= Kassapa der Große) ist einer der ganz wichtigen Jünger Buddhas. Auf dem Zufluchtsbaum des Westlichen Buddhistischen Ordens befinden sich fünf Jünger, einer davon ist Mahakassapa (die anderen sind Sariputra, Mahamoggallana, Ananda und Dhammdinna). Er leitete das erste buddhistische Konzil, das auf sein Betreiben hin einberufen wurde, und glt in China und Japan als erster Patriarch des Chan- bzw. Zen-Buddhismus.
Der bürgerlich Name Mahakassapas war Pipphali. Er wurde als Kind reicher brahmanischer Eltern im Lande Maghada geboren und zeigte schon als Jugendlicher asketische Züge. Seine Eltern sahen dies nicht gerne und wollten ihn verheiraten, was auf wenig Gegenliebe Pipphalis stieß. Da die Eltern jedoch drängten, ließ es bei einem Goldschmied eine Statue von unglaublicher Schönheit anfertigen: „Nur wenn es euch gelingt ein Mädchen zu finden, das dieser gleicht, bin ich bereit zu heiraten.“
Die Eltern ließen ein solches Mädchen suchen und es wurde tatsächlich im einem Nachbarland gefunden. Glücklicherweise war diese junge Frau – ihr Name war Bhadda Kapilani - ebenso asketisch und auf der Suche nach Weisheit, sodass beide zwar formal heirateten aber die Ehe nie vollzogen wurde.
Nach dem Tod der Eltern weigerten sich die beiden, die Landwirtschaft zu übernehmen, da beim Ackerbau zwangsläufig Wesen vernichtet würden: Würmer und Insekten. Sie gaben ihren Sklaven die Freiheit und verließen ihren Hof, um in die Hauslosigkeit zu ziehen. Da sie der Auffassung waren, es werde als unschicklich angesehen, wenn eine Frau und ein Mann zusammen umherzögen, trennten sie sich. Sehr viel später, als es bereits den Nonnenorden gab, wurde Bhadda Kapilani im buddhistischen Nonnenorden ordiniert, sie erreichte die Erleuchtung und wurde eine der Lehrerinnen des Nonnenordens.
Nach der Trennung von Bhadda ging Pipphali zunächst einige Meilen allein, aber der Buddha, der sehr wohl wusste, dass ein bedeutender Jünger auf dem Weg zu ihm war, ging ihm entgegen. Pipphali erkannte sofort, dass es sich bei dem Buddha um einen großen Meister handeln müsse und er warf sich dem Erhabenen zu Füßen: „Der Gesegnete, Herr, ist mein Lehrer und ich bin sein Schüler!“
Der Erhabene aber gab dem Novizen den Namen Kassapa und sogleich eine dreifache Belehrung:
„So sollst du dich üben:
„Sehr weich ist dein Gewand, ein guter Stoff,“ sagte der Buddha.
„Möge der Vollendete diese Robe von mir als Geschenk annehmen“, bot Kassapa daraufhin den Kleidertausch an.
„Aber Kassapa, kannst du denn auf deiner zarten Haut meine angenutzten Kleider aus Hanf tragen?“
„Gewiss Meister“, antwortete Kassapa. Es war das einzige Mal, dass der Buddha mit jemandem die Kleidung tauschte. Das Tragen einfacher, aus Fetzen bestehender Kleidung, maximal drei Roben, galt als ausgemachte Tugend der Askese auf dem Mittleren Pfad.
Nur selten belehrte Kassapa die Mönche. Er hatte große Erreichungen, so beherrschte er nicht nur die vier feinkörperlichen sondern auch die vier unkörperlichen Vertiefungen, wann immer er es wünschte. Seine große Zeit jedoch kam nach dem Tod des Buddhas.
Von den fünf bedeutenden Jünger, die sich auf dem Zufluchtsbaum der FWBO befinden, war beim Tod Buddhas nur einer anwesend: Ananda. Sariputra und Moggalana waren kurz zuvor gestorben und Dhammadinna befand sich als Nonne natürlich nicht bei den Mönchen. So erhält Kassapa erst etwa nach den Hinscheiden des Buddha die Todesnachricht. Wie alle Arahats ist er gefasst, als er dies vernimmt, denn was entstanden ist, muss auch vergehen. Die Verbrennung der Leiche Buddhas hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht stattgefunden, denn der ehrwürdige Anuruddha hatte erklärt, man wolle noch das Eintreffen Mahakassapas abwarten. Kaum war dieser eingetroffen, konnten die sterblichen Überreste des Buddha angezündet werden. Hinterher kam es zu einem heftigen Streit zwischen verschiedenen Anhängergruppen um die Reliquien. Die ehrwürdigen Mönche hielten sich dabei zurück und schließlich teilte einer der anwesenden Brahmanen die Reliquien in acht Teile, damit jede der Gruppen das ihre erhielt. Mahakassapa überbrachte dem König seines Heimatlandes Maghada, Ajatasattu, höchstselbst dessen Anteil an den Reliquien.
Mahakassapa sorgte sich allerdings viel mehr als um die Reliquien um den Erhalt des geistigen Potentials des Buddha. Er hatte nämlich mitbekommen, wie einige jüngere Mönche den Tod des Buddha kommentierten: „O.k., o.k., er ist tot. Aber sehen wir es doch einmal so: jetzt sind wir den großen Asketen los mit all seinen Vorschriften und Anweisungen. Endlich können wir das tun, was wir wollen, ohne dass uns einer immer dreinredet.“
Mahakassapa stellte Subhadda, der das gesagt hatte, nicht zur Rede. Er betrieb auch nicht dessen Ausstoß aus dem Orden. Mahakassapa war der Meinung, solches Denken sei nicht nur bei einem Mönch vorhanden. Er wusste nur zu genau, dass alles vergänglich ist, auch das Erbe Buddhas. Allerdings bedeutet „Entstehen in Abhängigkeit“ auch, dass man dem nicht fatalistisch ergeben sein muss, sondern dass man dem allzu raschen Verfall vorbeugen kann.
Er trat mit seiner Idee eines buddhistischen Konzils an andere einflussreiche Mönche heran, wobei zweierlei festgelegt werden müsse: das was zu Dharma gehört und der Vinaya, die Regeln für Mönche und Nonnen, damit die Laxheit, wie sie Subhadda vorgetragen hatte, sich nicht ausbreitete. Auf Antrag Mahakasspas wurden 500 Arahats gewählt, die das Konzil bilden sollten. Um die Teilnahme Anandas gab es noch heftige Diskussionen, denn dieser war zu dem Zeitpunkt noch nicht erleuchtet. Dieses Problem war jedoch bis zum Beginn des Konzils behoben.
So kam es zum Ersten Konzil in Rajagaha, dessen Präsident Mahakassapa war. Er soll damals bereits 120 Jahre alt gewesen sein.
Gemäß dem Anlass, aus dem das Konzil zusammengerufen worden war, wurde zuerst der Vinaya, der Kodex der Mönchsregeln festgelegt. Zwar hatte der Buddha gesagt, die unwichtigeren davon könnten entfallen, doch er hatte nicht festgelegt, welche dies waren. Daher entschied man sich auf Mahakassapas Vorschlag hin, alle Regeln beizubehalten um eine Erosion der Mönchsdisziplin zu unterbinden.
Anschließend wurden die Lehrreden des Dharma kanonisiert. Mahakassapas Ansehen war jetzt auf dem Höhepunkt. Zwar hatte der Buddha keinen Nachfolger, kein Ordensoberhaupt, bestimmt, aber allgemein wurde Mahakassapa als solches angesehen, wozu sicher auch sein Alter beitrug.
Eines Tages übergab Mahakassapa Ananda die Bettelschale des Buddha und ging zurück nach Maghada. Die Übergabe der Almosenschale wurde von den Mönchen so interpretiert, dass Ananda jetzt der spirituelle Leiter der Sangha sei.
Kassapa aber stieg auf den Berg Kukkatapada, sagt die Legende, setzte sich in eine Höhle mit untergeschlagenen Beinen um zu warten. Die Legende besagt weiter, dass König Ajatasattu und Ananda Mahakasspa in seiner Höhle aufsuchten. Der König wollte den leblosen Körper einäschern lassen, aber Ananda klärte den König auf: Mahakassapa müsse dereinst die Robe des Buddha Shakyamuni dem Buddha der Zukunft, Maitreya, überreichen.
In vielen chinesischen Legenden wird davon erzählt, wie Mönche auf diesem Berg zur Pilgerreise waren und die sitzende Leiche Mahakassapas gehen hätten, der dort noch immer auf das Eintreffen Maitreyas wartet.