eine Geschichte
aus dem Pali-Kanon, den ältesten buddhistischen Schriften
neu erzählt
von Horst Gunkel
(c) Copyright
by Horst Gunkel - letzte Änderungen 2006-03-10
Dhammdinna war die Ehefrau von Visakha, einem reichen Kaufmann aus Rajagrha, der Hauptstadt von Maghada. Visakha war sogar mit dem König von Maghada, Bimbisara befreundet.
Als der Buddha wieder einmal im Bambushain von Rajagrha weilte, ging Viskha hin um einer Lehrrede des Erleuchteten zu lauschen. Visakha war nicht nur ungeheuer beeindruckt von diesem Vortrag, er wurde vielmehr völlig aus seiner bisherigen Bahn geworfen. Am Ende der Lehrrede hatte Visakha die dritte Stufe der Heiligkeit erreicht, er war zum Nichtwiederkehrer geworden.
Visakha berichtete seiner Frau von der Unerhörtheit seines Erlebnisses und auch Dhammadinna war beeindruckt. Sie entschloss sich dem weltlichen Leben zu entsagen und nach Erleuchtung zu streben. Visakha respektierte den Entschluss seiner Frau. Er ging zu König Bimbisara und dieser lies einen goldenen Pavillon aufbauen, in dem die buddhistischen Nonnen Dhammadinna ordinierten. Dann zog sie mit dem Nonnenorden weiter. Dhammadinna praktizierte eifrig und erlngte schon bald die Arahatschaft, die vierte und höchste Stufe der Heiligkeit.
Einige Zeit später kehrte Dhammadinna in den Bamushain zurück, denn dort weilte der Buddha, dessen Lehrreden Dhammadinna lauschen wollte. Visakha war natürlich gespannt, Dhammadinna wiederzusehen und war interessiert daran, ihre spirituellen Fortschritte zu sehen. Eigentlich glaubte Visakha nicht, dass seine Frau besonders weit gekommen war. Eigentlich wollte er nur hören, ob sie irgend etwas begriffen hatte. Aber schon nach wenigen Sätze wurde ihm klar, dass das, was sie sagte tiefgründig war und das sie – eine Frau! – dabei war, ihn zu belehren.
So stellte er ihr tiefgründige Fragen: „Was, meine liebe Dhammadinna, ist wohl die Natur des Selbst?“
„Das Selbst, werter Viskha, besteht aus fünf Konglomeraten, den skanddhas, und das es entsteht kommt durch unser Verlangen, also vergeht es, wenn unser Verlangen schwindet.“
Dann erläuterte
Dhammadinna ihrem Ex-Mann den achtfachen Pfad und schließlich kam
sie auf zwei unterschiedliche Arten von Bedingtheit zu sprechen:
„Nun ist Bedingtheit
nicht immer von gleicher Art. Es gibt zwei Grundformen der Bedingtheit,
die im Universum wie im menschlichen Leben wirken. Die erste können
wir als die „kreisförmig verlaufende" oder „reaktive" Art der Bedingtheit
bezeichnen. Die zweite ist gewissermaßen spiralförmig, weiterführend,
fortschreitend. Im Fall der kreisförmigen Form von Bedingtheit läuft
ein Prozess nach dem Schema Aktion-Reaktion zwischen Gegensatzpaaren ab:
Freud wechselt mit Leid, Glück mit Unglück, Verlust mit Gewinn
und - im größeren Zusammenhang einer ganzen Reihe von Leben
- Geburt mit Tod. In diesem Zusammenhang ist auch die Lehre von der Wiedergeburt
zu sehen: Geisteszustände vergehen nicht dauerhaft, sondern kehren
wieder, sie werden „wiedergeboren“.
Demgegenüber
zeichnet sich die spiralförmige Art der Bedingtheit durch eine allmähliche
Entwicklung aus, wie zwischen Faktoren, die einander fortschreitend steigern.
Hier verstärkt der folgende Faktor die Wirkung des vorhergehenden,
statt ihm entgegenzuwirken oder ihn aufzuheben. In Abhängigkeit von
Vergnügen entsteht beispielsweise nicht Leid, sondern Glück.
In Abhängigkeit von Glück entsteht nicht Unglück, sondern
Freude. In Abhängigkeit von Freude entsteht Entzücken, dann Glückseligkeit,
Verzückung und Ekstase.
Da gibt es mit
anderen Worten eine samsarische, zyklische, reaktive Tendenz innerhalb
der konditionierten Existenz, in der die einzelnen Geisteshaltungen sich
mit ihrem Gegenteil abwechseln und andererseits gibt es da eine nirvanische,
kreative oder spiralförmioge Tendenz, in der sich die positiven Geisteszustände
gegenseitig verstärken.“
„Und wohin“,
fragte Visakha weiter, „führt dann Nirvana?“
„Damit gehst
du einen Schritt zu weit, mein lieber Visahka. Du übersiehst, dass
es eine Grenze für solcherlei Fragen gibt. Der Kulminationspunkt des
spirituellen Lebens ist Nirvana – das ist das Ende.“ Und als sie seinen
ungläubigen Blick sah, ergänzte Dhammadinna: „Geh´ hin
zum Buddha, er ist in der Stadt, frage ihn und merke dir gut, was er dir
sagt.“
In der Tat ging
Visakha zum Buddha, denn neben der letzten Aussage verwunderte ihn insbesondere
die Darstellung des zyklischen Pfades und des Spiralpfades. Er hatte schon
viel vom Dharma gehört, jedoch diese Darstellung war ihm noch nicht
zu Ohren gekommen.
Also begab sich
Visakha zum Buddha.
„Erhabener, ich
habe lange eure Lehre studiert. Heute habe ich mit einer Nonne gesprochen,
mit Dhammadinna, die im früheren Leben meine Frau war. Sie hat mir
eine sehr eigentümliche Auslegung des Dhamma gegeben.“
„So Dhammadinna,
eine ungeheuer kluge Nonne, was hat sie euch denn gesagt?“
Dann wiederholte
Visakha die gesamte Darstellung Dhammadinnas, insbesondere die Darstellung
des zyklischen Pfades, des Lebensrades, einerseits und des Spiralpfades
andererseits.
„Genau so hat
Dhammadinna es geschildert, Erhabener, wie beurteilt ihr diesen Sachverhalt.“
„Mein lieber
Visakha, Dhammadinna ist eine ganz außerordentlich Bikkhuni. Genau
so wie Dhammadinna es euch erläutert, mit genau den selben Worten
hätte ich es euch erläutert. Dhammadinna verkündet in der
Tat „Buddhavacana“, ihre Worte sind von der gleichen Weisheit, wie die
eines Buddha.