Saddha

Saddha (pali) bzw. sraddha (sanskrit) wird gewöhnlich mit „gläubiges Vertrauen” übersetzt. Das Wort „Vertrauen“ allein würde wohl zu weltlich klingen, das Wort „Glaube“ allein wirkt auf uns häufig irrational, wie in dem beliebtem Spruch „Glauben heißt nichts wissen“. Und in der Tat hat das Wort „Wissen“ im deutschen einen Beiklang von Rationalität, wohingegen „Glauben“ zwar nicht unbedingt den Beiklang von Irrationalität hat, was der kontradiktorische Gegensatz zu Rationalität wäre, sondern eher den vom Emotionalität, einem Begriff, der mit Rationalität ein dialektisches Spannungsverhältnis eingeht. Und tatsächlich ist das auch in der altindischen Ansicht bereits so.

Es gibt im Buddhismus ein System von indriya, von geistigen Fähigkeiten, von denen einige in einem dialektischen Spannungsfeld stehen, z. B. Tatkraft und meditative Sammlung. Und eben auch gläubiges Vertrauen, also saddha, und panna, Weisheit. Ganz entscheidend ist dabei diese im Spannungsfeld miteinander stehenden Fähigkeiten mit einer weiteren Fähigkeit, nämlich der Achtsamkeit (sati) auszubalancieren, sodass sie in Ebenmaß entwickelt werden. Das bedeutet, dass wir saddha, gläubiges Vertrauen entwickeln sollen, aber eben in ausbalancierter Einheit mit dieser anderen Fähigkeit, mit Wissen. Auf diese Art hüten wir uns von dem nahen Feind von gläubigem Vertrauen, das ist blinder Glaube. Blinder Glaube ist eben nicht mit Wissen, mit "Sehen, wie die Dinge sind", ausgeglichen und daher wird dieser Glaube „blind“ genannt. Blinder Glaube führt zu Fanatismus, führt zu Fundamentalismus, ja er kann sogar zu Religionskriegen führen.

Ich habe eben den Terminus „naher Feind“ verwendet. Im Buddhismus versteht man darunter eine Geisteshaltung, mit der der beschriebene Begriff leicht verwechselt werden kann. Der ferne Feind von metta ist beispielsweise Hass, die beiden kann man nicht verwechseln, hingegen kann man metta eher mit pema, einer sentimentalen klebrigen Anhänglichkeit, verwechseln. Ist unsere Liebe zu einer anderen Person nicht von metta, sondern von pema getragen, dann kann eine Zurückweisung häufig in das Gegenteil umschlagen, in Hass. Das ist der Grund, warum die meisten Tötungsdelikte Beziehungstaten sind, eben weil die Beziehung nicht auf metta basiert war, sondern auf pema.

Doch zurück zu den nahen und fernen Feinden von saddha. Der nahe Feind ist also blinder Glaube, das womit saddha fatalerweise verwechselt werden könnte. Der ferne Feind von saddha ist Skeptizismus. Unter Skeptizismus wird hier nicht das kritische Hinterfragen von Glaubensinhalten verstanden. Kritisches Hinterfragen ist in Ordnung, denn eine Frage dient dazu, eine Antwort zu bekommen. Von daher haben wir beim kritischen Hinterfragen genau die Ausgewogenheit von saddha und panna, Wissen, das wünschenswert ist, die beiden Fähigkeiten sind ausgeglichen. Skeptizismus hingegen ist eine Haltung, die versucht, alles ad absurdum zu führen, alles kaputt zu kritisieren, Skeptizismus ist keine schöpferische Tätigkeit, sondern eine destruktive.

Wir haben jetzt bereits den nahen Feind von sadhha kennen gelernt, blinden Glauben und den fernen Feind, Skeptizismus. Und wir haben den dialektischen Partner, die ergänzende Fähigkeit zu saddha kennen gelernt, panna, Wissen. Wissen ist von Rationalität geprägt und von Verständnis, es ist sogar eine gewisse Voraussetzung für Weisheit. Saddha hingegen ist stärker emotional geprägt, von Vertrauen, von Zuneigung.

Dabei kann sich dieses Vertrauen auf die eigene Person und die eigenen Fähigkeiten beziehen oder eben auf einen Dritten, auf den Buddha, auf Gott, auf einen Guru oder einen Führer.

Das Selbstvertrauen ist in höchster Form bei Prinz Siddharta, dem späteren Buddha, vorhanden gewesen. Es hat alles aufgegeben, Reichtum, Karriere, Besitz, Familie alles. Alles bis auf sein unerschütterliches Vertrauen, den Weg aus dukkha, dem Unvollkommenen, dem Suboptimalen, evtl. sogar dem Leidvollen, mit Sicherheit aber dem spirituell Unbefriedigenden, herauszufinden. Über den Begriff dukkha habe ich hier vor einigen Wochen gesprochen. Aber der Buddha war keineswegs der einzige, der Selbstvertrauen hatte. In allen Wesen schlummert das gleiche Potential, wir nennen es die Buddhanatur. Es ist das Potential, das Höchste zu erreichen, die Vollendung, die Vollkommenheit, die Erleuchtung, Nirvana. Nach buddhistischer Auffassung ist selbst in einer Eintagsfliege dieses Erleuchtungspotential vorhanden, allerdings hat diese noch einen langen Weg vor sich. Wir nennen diesen Weg Evolution. Als Menschen ist für uns der Weg zur nächsten Evolutionsstufe, zur Buddhaschaft wesentlich kürzer. Aber wir werden diesen Weg nur gehen können, wenn wir ein Mindestmaß an Selbstvertrauen aufbauen, an Zuversicht, an Mut, den Pfad zu gehen. Theoretisch kann es jede und jeder von uns völlig allein schaffen, so wie das auch beim Buddha der Fall war.

Wesentlich leichter als es für den Buddha war, den Pfad zur Vollkommenheit zu finden, ist es jedoch für uns, denn der Pfad ist bereits aufgezeigt, er ist dargelegt, es gibt Beschreibungen des Pfades. Und ich versuche gerade ein Teilstück einer dieser Beschreibungen, die der Buddha vom Pfad zur Erleuchtung gegeben hat, den Pfad der progressiven nidana, weiterzugeben. Ich versuche zu erläutern, wie wir vom Zustand von dukkha – Punkt 13 auf unserem Wandbild – zu Punkt 14, zu saddha gelangen. Und das geschieht, indem wir Vertrauen fassen. Selbstvertrauen, dass wir es schaffen können und Vertrauen darin, dass jemand bereit ist uns dabei zu helfen. Und dieser Jemand ist letztendlich der Buddha, der diesen Pfad entdeckt – oder besser wiederentdeckt – hat, und alle die Lehrer, die in dieser Tradition stehend diesen Pfad erläutert haben.

Es ist dabei ganz entscheidend, dass wir zu saddha erst kommen können, wenn wir dukkha erfahren haben, wenn uns das spirituelle Unbefriedigende in unserem Leben nervt, wenn wir erkannt haben, dass es noch etwas anderes geben muss als Geld, Karriere und vordergründigen Spaß. Und das beginnt, wenn wir uns dafür öffnen, dass es etwas Höheres gibt, etwas spirituell Wesentliches, das Wahre, Schöne, Gute. Dann entfaltet sich die Grundlage auf der saddha gedeihen kann, dann ist dies die Resonanz unserer eigenen inhärenten Buddhanatur mit Buddhaschaft, mit Vollkommenheit.

Als ich Anfang der 90er Jahre in einer spirituellen Krise steckte – ich hatte erkannt, dass mich mein Leben, so wie ich es bis damals führte, in eine Sackgasse geführt hatte – war ich bereit, spirituelle Führung anzunehmen. Ich habe zunächst wieder die Bibel gelesen, allerdings festgestellt, dass sie mir noch immer so fremd war, wie eh´ und je. Dann habe ich ein Buch über den Islam studiert und festgestellt, dass diese Religion von mir aus gesehen noch jenseits des Christentums lag. Danach fiel mir zufällig ein Buch mit dem Titel „Die großen nichtchristlichen Religionen“ in die Hand. Ich blätterte darin, las hier hinein und dort hinein und stolperte im Abschnitt über Buddhismus über die vier Edlen Wahrheiten und den Edlen Achtfachen Pfad. Und ich wusste sofort: das ist es, das ist die Lehre von der Wahrheit, das ist der Dharma. Ich hatte an diesem Tag das große Glück, den Schritt aus dukkha heraus und zu saddha zu machen. Das funktioniert nicht bei jedem genau mit diesen Aussagen. Bei meinem Lehrer Sangharakshita, war es das weiße Lotussutra, das auf ihn genau den gleichen Effekt hatte, wie die Vier Edlen Wahrheiten auf mich. Mir hingegen ist das Weiße Lotussutra äußerst fremd. Aber beides sind Arten das gleiche zu kommunizieren, den Dharma, den Pfad zur Erleuchtung. Und vielleicht wird auch Dir durch irgendein Buch oder einen Vortrag oder ein Erlebnis dieser Schritt genauso zugänglich. Aber der Schritt von dukkha zu saddha muss nicht so plötzlich geschehen. Meistens ist es eine allmähliche Entwicklung. Aber es ist auf jeden Fall ein wichtiger Schritt auf dem Pfad zur Erleuchtung.

Und auch, wenn wir diesen Schritt gemacht haben, sind wir mindestens mit einem Bein noch ganz im samsara, in diesem Lebensrad gefangen. Wir sind noch längst nicht gänzlich befreit vom Handeln im Reiz-Reaktions-Schema, aber dennoch sind wir, während wir einerseits noch dort im Lebensrad verfangen sind, mit dem anderen Bein ein Stück weitergekommen, ein ganz entscheidendes Stück weiter, das Stück von dukkha, vom spirituell Unbefriedigendem, vom Punkt 13, zu saddha, zu gläubigem Vertrauen, und damit ist eine gute Grundlage gelegt für die nächsten Schritte, hin zu Punkt 15, zu Freude, und zu Punkt 16, Verzückung, Begeisterung, Ekstase. Doch dazu ein anderes Mal mehr.


         © Copyright 2011 by Horst Gunkel, Gelnhausen.
                Zu Meditation am Obermarkt
.
                Zurück zu den Artikeln und Vorträgen
.
                Zu den Audio-Vorträgen