Die Tochter des Samurai
erzählt von Horst Gunkel
(c) Copyright by Horst Gunkel - letzte Änderungen 2014-01-30
Im 17. Jahrhundert gibt es in Japan zwei mächtige Traditionen, die das Denken und Empfinden der Japanerinnen und Japaner bestimmen.

Da ist einerseits das weltliche Leben mit dem Tenno, dem Kaiser, an der Spitze, diese Tradition stützt sich auf die Samurai, einen unerschrockenen Kriegeradel. Und da gibt es andererseits eine spirituelle Tradition, das Zen. Zen beschäftigt sich mit klassischer Meditation. Das Wort ist abgeleitete von Dhyana, meditative Vertiefung. Die chinesische buddhistische Tradition, hatte dieses Wort zu Ch´an sinisiert und die Japaner hatten das dann Zen genannt, eine buddhistische Meditation ohne Meditationsobjekt.

Beiden unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten, der Welt der Samurai und der der Zen-Praktizierenden aber war eines gemeinsam: strenge Disziplin, eine sehr männliche Tugend, eine sehr japanische Disziplin. Ryonen Gesho, die Heldin unserer Geschichte, ist eine Frau, die zwischen diesen beiden Traditionen steht. Geboren in einer angesehenen Samurai-Familie zieht es sie doch zum spirituellen Pfad. Aber selbstverständlich konnte man sich im 17. Jahrhundert in Japan nicht einfach für einen alternativen Lebenslauf entscheiden – und als Frau schon gar nicht.

Ryonens Vater war Samurai-Krieger, ihre Mutter eine Hofdame der Kaiserin. Wobei Kaiserin zwar der offizielle Titel war, aber es war natürlich nicht wirklich eine Kaiserin, sondern eben „nur“ die Gemahlin des Kaisers.

Ryonen wird als Mädchen zusammen mit Yoshi, der Enkelin der Kaiserin, erzogen, und zwischen den beiden Mädchen entspann sich eine sehr enge Beziehung, die die Kindheit überdauern sollte. Kaiserliche Erziehung für Mädchen bedeutete damals japanische und chinesische Literatur zu studieren, sich mit den schönen Künsten zu beschäftigen, von bildender Kunst bis Ikebana und auch selbst Gedichte zu schreiben. Eine Kostprobe von Ryonens Dichtkunst werden wir am Ende dieser Geschichte zu hören bekommen. Und natürlich gehörte auch Kalligraphie dazu, diese typisch japanisch-chinesische Verbindung von Dichtung und Malerei.

Zwei Brüder von Ryonen wurden zu Mönchen ordiniert, und vor allem ihr jüngerer Bruder erzählte seiner Schwester bei seinen jährlichen Besuchen zuhause begeistert vom spirituellen Klosterleben. Doch für das Mädchen hatten die Eltern einen, wie sie fanden, passenderen Weg vorgesehen. Ryonen sollte einen angesehenen Arzt und Wissenschaftler heiraten, der selbstverständlich deutlich älter war als sie, der Altersunterschied betrug fast 20 Jahre. Dieser Arzt brauchte dringend einen Stammhalter. Er hatte zwar bereits zahlreiche Kinder von unterschiedlichen Frauen, aber die waren natürlich alle illegitim.

Ryonen ist alles andere als begeistert von dem vor ihr liegenden Lebensweg, aber da sie eine starke, selbstbewusste junge Frau ist, gelingt es ihr mit ihren Eltern und dem künftigen Ehemann einen besonderen Vertrag auszuhandeln. Und da man im Japan nicht nur des 17. Jahrhunderts Ehre und Disziplin sehr hoch hielt und da ein Vertragsbruch Gesichtsverlust bedeutet hätte, erfüllten selbstverständlich alle Vertragsparteien ihren Teil des Deals.

Ryonen war noch keine 25 Jahre alt, als sie ihren Teil der Abmachung bereits erledigt hatte. Sie hatte dem Arzt nicht nur einen männlichen Erben geboren, sondern ihm auch eine neue junge und gebildete Ehefrau besorgt. Jetzt war sie frei, konnte Ehemann und Kind verlassen. Wir wissen nicht, ob sie außer diesem Söhnchen auch noch Töchter geboren hatte, etwas derartig Unwichtiges wurde durch die – selbstverständlich männlichen – Chronisten natürlich nicht überliefert.

Doch Ryonen zieht es jetzt keineswegs gleich ins Kloster. Da ist noch etwas anderes, was dieser jungen Frau ebenso wichtig war, nämlich ihre Beziehung zu ihrer Freundin Yoshi, der Enkelin der Kaiserin. Auch Yoshi verlässt ihren Ehemann und die beiden Frauen ziehen zusammen. Das feminine Glück dauert jedoch nicht lange, Yoshi ist kränklich, wie man das in Familien gekrönter Häupter nur allzu häufig hat, bald erkrankt sie ernstlich und Ryonen pflegt nun ihre geliebte Freundin. Ryonen ist noch keine 30 als ihr der Tod die Liebste nimmt.
Jetzt geht die nicht mehr ganz so junge Frau in ein Frauenkloster, wo sie als buddhistische Nonne ordiniert wird. Doch ihr Leidensweg ist damit keineswegs zu Ende, denn das Kloster ist eine herbe Enttäuschung für Ryonen, hier trifft sie auf lauter Frauen, die früher ebenso wie sie selbst am Kaiserhof waren, dann aber ihren Verpflichtungen – meist ihren Ehemännern – entkommen wollten. Diese sog. Nonnen waren aber keineswegs bereit, ihr affektiertes Leben als Hofschranzen aufzugeben. Das war so völlig anders als ihr jüngerer Bruder das von seinem spirituellen Leben im Kloster des Obaku-Ordens berichtet hatte.

Also macht sich Ryonen auf und sucht einen Obaku-Tempel. Der dortige Abt gewährt Ryonen auch die gewünschte Audienz, was keineswegs üblich war, und Ryonen schildert ihm von ihrer Sehnsucht ernsthaft zu praktizieren, von der Hingabe ihres Bruders zur Lehre des Buddha und von ihrer Enttäuschung über ihr bisheriges Klosterleben. Sie bittet um probeweise Aufnahme in den Orden.

„Unmöglich“, ist die vielleicht nicht ganz so überraschende Antwort des Abtes, „selbst wenn Du die am ernsthaftesten praktizierende Person im ganzen Kloster wärest, würden durch Dich mindestens fünfzig Mönche von eben dieser ernsthaften Praktik abgehalten werden. Wenn Du wenigstens aussehen würdest wie eine Kuh! Aber leider bist Du deutlich zu schön.“ Das war seine Abschiedsworte bei der Audienz.

Doch Ryonen ließ sich keineswegs entmutigen. Sie weiß, dass es in der Nähe noch das Kloster des Hakuo Dotai gibt, was so eine Art Alternativkloster ist. Hakuo Dotai hatte früher sehr lange als Einsiedler gelebt. Inzwischen hatte er auch Schüler aufgenommen. Kloster ist vielleicht ein etwas hochgegriffener Ausdruck, für das Anwesen von Hakuo Dotai und seinen Schülern. Es gibt dort eigentlich nur einen Meditationsraum und ein paar armselige Hütten. Aber es ist mit Sicherheit absolut hofschranzenfrei!

Ryonen begibt sich also zu Hakuo Dotai und kann ihn auch von ihrem aufrichtigen Wunsch zu praktizieren überzeugen. Aber auch er hat Bedenken: „Ja, weißt Du, Du bist schließlich eine Frau.“ Ryonen Gesho versucht ihren letzten Trumpf auszuspielen, sie erniedrigt sich nun selbst, indem sie ihm eingesteht, dass – und warum – sie sich absolut nicht für Männer interessiert. Sie tut damit das, was Japanerinnen und Japaner am meisten fürchten: Gesichtsverlust.

Doch auch Hakuo schickt sie weg: „Es tut mir leid, Ryonen,“ sagt er, „meine Mönche sind Mönche, aber sie sind eben auch Männer, und Du bist eine schöne Frau. Sie würden nicht mehr richtig praktizieren können. Das ist das Problem.“
Maßlos enttäuscht geht Ryonen weg. Ihr Gesichtsverlust – umsonst. Eine schöne Frau – das ist das Problem. Enttäuscht und wohl auch verbittert geht sie zur nächsten Stadt. Aber sie weint nicht. Sie ist die Tochter eines Samurai. Man weint nicht. Man handelt.

In der Stadt mietet sie sich in einem Gasthof ein. Es ist ein kühler Novemberabend und ein Feuer lodert im Kamin. Sie ist eine schöne Frau, das ist das Problem. Gesichtsverlust? Warum nicht? Sie legt den Schürhaken in die Glut, es ist kein zierlicher Schürhaken, sondern ein großes, schweres, wuchtiges Monstrum, mit einer gusseisernen Kohlenzange dran. Ryonen weiß, was sie will. Sie ist stark. Während der Schürhaken rotglühend wird, schreibt sie noch ein Gedicht auf Chinesisch, wie es am Kaiserhof üblich ist. Die gesellschaftlich akzeptierte Form, seine Gefühle auszudrücken. Gesichtsverlust.

Am nächsten Tag wird sie wieder bei Hakuo Dotai vorstellig, dem das Grauen bei ihrem Anblick ins Gesicht geschrieben steht. Ryonen sagt nur: „Problem beseitigt!“ Sie besteht darauf erst ordiniert, dann verarztet zu werden. Sie sagt: „Die wichtigen Dinge sollte man nicht aufschieben, alles andere kann warten.“ Da ist sie ganz die Tochter des Samurai.
Sie erreichte noch im selben Leben die vollkommene Verwirklichung, wie Meister Hakuo kurz vor seinem Tod bestätigte. Nachdem der Meister gestorben war, wurde sie die erste buddhistische Äbtissin eines Männerklosters. Später gründet sie auch noch ein Frauenkloster, damit alle Männer und Frauen wirklich praktizieren können. Ohne Gesichtsverlust. Das Frauenkloster mit dem Namen „heitere Wolke“ brennt 100 Jahre später nieder, ein glühender Schürhaken soll Anlass des Brandes gewesen sein, heißt es.

Aber ein Stück Papier hat den Brand überstanden, es ist das Gedicht, das Ryonen Gesho in der Nacht vor ihrer Ordination schrieb; es lautet:

Damals als Kinder am Kaiserhof
Verbrannten wir Räucherwerk
Heute, um Nonne zu werden,
verbrenne ich mein Gesicht.
Darf dann endlich Zen üben.
Jahreszeit reiht sich an Jahreszeit.
Wer das schrieb? Ich weiß es nicht.
Die Welt – ein stetiger Wandel.


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Das Blatt (ficus religiosa) im Hintergrund dieser Seite stammt vom Bodhi-Baum aus Anuraddhapura in Sri Lanka. Dieser ist ein direkter Abkömmling des Baumes, unter dem der Buddha seine Erleuchtung hatte.